Erzählungen von Scharlotte

Scharlotte ist 91 Jahre alt und wuchs im Ostpreußischen Kanthausen, Kreis Gumbinnen, auf. Ende des Zweiten Weltkriegs flüchtete sie mit ihren Eltern nach Schleswig-Holstein. Die Eingewöhnung fiel ihr nicht leicht und sie hoffte, eines Tages wieder in ihre alte Heimat zurückkehren zu können. Heute wohnt sie in einem Eigenheim in Niedersachsen und blickt noch immer mit Wehmut an Ostpreußen zurück. Scharlotte erinnert sich noch gut an die Zeit, die sie durchleben musste:

Das Leben vor der Flucht

Ich kam 1931 zur Welt und wuchs in Kanthausen auf, einem kleinen Dorf im Kreis Gumbinnen in Ostpreußen. Hier gab es kalte Winter und viel Schnee, minus 25 Grad waren keine Seltenheit. Wir fuhren an Sonntagen immer in einem großen Pferdeschlitten mit Glöckchen zur Kirche, was besonders an Weihnachten sehr schön war. Sonntags fuhren wir auch zu Verwandten zum Kaffee und tauschten unsere Gedanken aus. Da mein Vater eine schwere Operation hatte, musste er nicht in den Krieg. Vor unserer Flucht hatten wir Silberbesteck und sonstige Wertgegenstände hinter dem Haus vergraben, weil wir hofften, dass wir irgendwann wieder zurückkommen konnten. Als Deutschland den Krieg verlor, mussten wir Ende 1944 schnell flüchten, weil die Russen schon in nächster Nähe waren. Mein Bruder musste mit 15 Jahren Panzergraben ausheben und konnte daher nicht mit uns fliehen, also ging ich alleine mit meinen Eltern. Das war zu dem Zeitpunkt alles Kampfgebiet.

Das Leben während der Flucht

Wir waren den Russen ungefähr drei bis vier Kilometer voraus, mit unseren zwei Pferden und dem Leiterwagen. Damit hatten wir großes Glück, denn wir konnten Bettzeug, Kleidung, haltbare Lebensmittel und noch einiges an Hausrat mitnehmen. Von Gumbinnen flohen wir über Insterburg, Pommern und Polen nach Danzig. Von dort aus ging es dann weiter nach Schleswig-Holstein. Unterwegs lernten wir vier andere Familien kennen, mit denen wir fortan zusammen flohen. 

Wir suchten immer wieder Schutz im Wald oder versteckten uns unter dem Wagen, wenn die Tiefflieger der Russen über die Flüchtlinge hinweg flogen. Das war wirklich schrecklich. Wie oft haben wir uns in den Straßengraben geflüchtet. Ab und zu durften wir unterwegs in einer Schule übernachten, dort gab es auch mal Suppe und Tee. Als wir dann endlich heile in Schleswig-Holstein ankamen, wurden uns sofort die Pferde abgenommen – die wurden für den Einsatz gebraucht. Eine der Familien, mit denen wir geflohen waren, zogen in den Schwarzwald. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Das Leben nach der Flucht

In Schleswig-Holstein kamen wir zunächst nach Neuendorf, Kreis Steinberg. Wir Flüchtlinge fanden erst Unterkunft in Schulen, bevor wir zu Menschen mit Wohnmöglichkeiten verteilt wurden. Bei einem Bauern wurde uns ein Zimmer bereitgestellt. Die Landschaft in unserer neuen Heimat war ähnlich wie in Ostpreußen, alles flach und keine Berge. Es gab auch viel Landwirtschaft und die Bauernhöfe lagen meist außerhalb des Dorfes, genau wie bei uns. Zu diesem Zeitpunkt war ich 14 Jahre alt und ging auf die Oberschule in Elmshorn. Die Flüchtlinge wurden von den einheimischen Menschen allerdings nicht so gerne gesehen, also war große Vorsicht geboten. Man musste im Haus mithelfen, im Garten und auf dem Feld. Dafür durften wir aber auch in einem Zimmer wohnen und bekamen Essen, wenn auch sparsam. Im Zimmer standen ein Eisenbett und zwei Stühle, einen Schrank gab es nicht. Es war nicht einfach. Später wurde es besser, da wurde uns eine Dreizimmerwohnung zugeteilt, worüber wir sehr dankbar und glücklich waren. 1951 gingen wir dann nach Neustadt in Niedersachsen zu Bekannten und ich machte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Weil mir das nicht reichte, zog ich 1958 zusammen mit meinem Cousin nach Schutterwald, wo ich eine Weiterbildung zur Erzieherin machte und den Beruf dort auch ein paar Jahre ausübte. Aber mir fehlte meine Familie – deswegen ging ich wieder nach Neustadt. Mein Cousin hatte sich verliebt, daher kam er nicht mit mir zurück. Wieder in Niedersachsen, verliebte ich mich schließlich selbst, heiratete und baute mit meinem Mann ein Haus in Rodewald am Rübenberge. Wir hatten nach dem Krieg, wie alle, den Lastenausgleich bekommen. Der war aber sehr gering – wir hatten ja alles verloren. Weil wir dann gebaut hatten, mussten wir später wieder etwas zurückzahlen.

Heute, mit 91 Jahren, wohne ich bei meiner Tochter und werde bestens betreut. Ich bin dankbar, dass meine Familie und ich die Flucht gut überstanden haben und in der neuen Heimat ein schönes Zuhause gefunden haben. Man hat neue Freunde gefunden und sich gegenseitig besucht, wir gingen früher häufig zu Konzerten und haben schöne Reisen unternommen. Bekanntschaften aus meiner früheren Heimat hatte ich in Stockach am Bodensee, Langensteinbach und Offenburg. Viele davon sind inzwischen verstorben. Nach unserer Flucht war es ja eine ganz andere Zeit, wir mussten uns ein neues Leben aufbauen. Es gefällt uns, aber mit Wehmut denken wir an unsere ursprüngliche Heimat zurück. In Ostpreußen wurde die Gastfreundschaft sehr gepflegt, vieles wurde gemeinschaftlich unternommen und wer singen konnte, ging zu den Liederabenden. Das fehlte mir hier ein bisschen, aber so groß waren die Unterschiede eigentlich nicht. Nachdem wir unser eigenes Haus gebaut hatten, war Rodewald unsere neue Heimat.