Erzählungen von Henriette
Henriette wurde am 27. September 1935 in der Ostpreußischen Stadt Osterode geboren. Mit zehn Jahren musste sie ihre Heimat verlassen und landete vorerst bei einer Familie auf einem Bauernhof in Neustadt, Schleswig-Holstein. Heute ist Henriette 87 Jahre alt, wohnt in Schutterwald bei Offenburg und erzählt von ihren Erfahrungen:
Das Leben vor der Flucht
In meinen ersten Jahren lebte ich zusammen mit meinen Eltern und meinen sieben Geschwistern in Osterode im damaligen Ostpreußen. Mein Vater musste in den Krieg ziehen, deswegen war meine Mutter irgendwann auf sich alleine gestellt. Zwei meiner Brüder verloren ihr Leben im Krieg, sodass wir von da an nur noch sechs Kinder waren. Als 1945 die Russen in Ostpreußen einmarschierten, musste ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern fliehen. Der Grund dafür war der Hass der Roten Armee gegen Hitlerdeutschland – sie waren brutal gegenüber der Zivilbevölkerung, vergewaltigten Frauen und richteten die Menschen einfach hin.
Das Leben während der Flucht
Von Osterode aus sind wir bis Danzig gekommen. Wir waren etwa vier Wochen unterwegs, größtenteils zu Fuß, teilweise aber auch mit dem Zug. In Danzig sind wir dann auf ein Schiff übergegangen, das uns über die Ostsee nach Travemünde mitnahm. Von dort aus reisten wir schließlich mit dem Zug bis nach Neustadt in Schleswig-Holstein, wo die Zivilbehörden uns einer Unterkunft zuwiesen. Wir kamen auf einem Bauernhof unter. Endlich waren wir in Sicherheit und die Menschen waren freundlich zu uns. Sie haben uns eine neue Heimat gegeben – Essen und Trinken gegen Arbeit.
Man kann sagen, dass unsere Familie auf der gesamten Flucht wirklich Glück im Unglück hatte, denn niemand von uns verlor sein Leben. Im Januar 1945 war es nämlich tiefster Winter und eisig kalt, viele Menschen sind erfroren. Auch mit dem Schiff hatten wir Glück, denn die „Wilhelm Gustloff” war mit 10.000 Menschen bereits voll und wir mussten auf das nächste Schiff warten. Irgendwann erfuhren wir, dass die „Wilhelm Gustloff” durch Torpedos eines sowjetischen U-Boots versenkt wurde und mehr als 9.000 Menschen in der kalten Ostsee starben.
Das Leben nach der Flucht
Auf dem Neustädter Hof mussten wir im Haushalt und im Stall mithelfen. Die Menschen, die uns aufnahmen, waren aber sehr herzlich und freundlich. Weil ich erst zehn Jahre alt war, durfte ich die Schule besuchen, wo es für uns „Flüchtlinge” häufig Schläge von den Lehrern gab. Grundsätzlich wurden wir jedoch nicht ausgegrenzt sondern integriert, es gab keinen Ausländerhass, wie es vielleicht heute der Fall ist. Meine Mutter verstarb leider 1952, von da an musste ich bereits in jungen Jahren die Mutterrolle für meine Geschwister übernehmen und konnte daher keine Ausbildung machen. Meine Brüder brauchten irgendwann eine Arbeit, deswegen sind wir 1962 ins Ruhrgebiet gezogen und dort lernte ich meinen Ehemann kennen. Als 1968 unser zweiter Sohn zur Welt kam, sind wir gemeinsam nach Schutterwald in Baden-Württemberg gezogen. Hier war ich Hausfrau und Mutter, mein Ehemann selbstständiger Statiker und Bauzeichner. Bei ihm wurde ich Teilzeit als Bürokraft eingestellt, später arbeitete ich bis zur Rente als ungelernte Arbeitskraft in einem Versandhandel.
Mittlerweile sind wir seit 54 Jahren hier zuhause, haben drei eigene Kinder und vier Enkelkinder. Die Familie ist das Wichtigste für mich – ich wohne gemeinsam mit meinem Ehemann, meiner Tochter, meinem Schwiegersohn und zwei Enkelkindern in einem Haus. Meine beiden Söhne haben ein gemeinsames Haus in der Nachbargemeinde. Heimat ist da, wo Familie ist. Mittlerweile bin ich 87 Jahre alt, teilweise nur noch im Rollstuhl mobil, aber wir sind zuhause. Weil mein Ehemann, die Kinder und Enkelkinder sich um mich kümmern, musste ich bislang nicht in ein Pflegeheim und bin sehr glücklich, dass uns alle unterstützen. Viele unserer Freunde und Bekannte sind bereits verstorben, aber wir sind dankbar, wie es ist. Ich vermisse meine alte Heimat nicht, bereits 1955 habe ich mit der Vergangenheit abgeschlossen. Der einzige Bezug, den ich noch zu Ostpreußen habe, ist die Zeitschrift „Ostpreußen Blatt”, die ich regelmäßig lese. Auf einer Busreise habe ich mir meine alte Heimat nochmal angesehen und kann sagen, dass ich froh bin, hier zu sein. Polen ist ein schönes, „altes” Land, aber meine Muttersprache war immer Deutsch und ich kann kein einziges Wort Polnisch. Anders als die heutigen Flüchtlinge, die die Sprache nicht sprechen, eine andere Religion und ein anderes Aussehen haben.