Erzählungen von Friedrich
Friedrich wurde 1938 in der Stadt Tilsit in Ostpreußen geboren. Er war noch sehr jung, als er mit seiner Familie geflohen ist. Vorerst lebten sie in ärmlichen Verhältnissen auf einem Bauernhof in Polen, von dem aus sie dann später weiter nach Kaiserslautern zogen. Friedrich wurde 81 Jahre alt, bevor er friedlich zuhause in der Baden-Württembergischen Stadt Freudenstadt verstarb. Er fühle sich immer verbunden mit seiner alten Heimat und kehrte auch einige Male dorthin zurück. Aus Friedrichs Perspektive erzählt sein Neffe von dessen Erfahrungen:
Das Leben vor der Flucht
An meine ersten Jahre in Tilsit kann ich mich kaum erinnern, da ich noch sehr jung war. Ich weiß, dass mein Vater im Krieg war, weswegen meine Mutter mich und meinen Bruder alleine aufziehen musste. Mutter war eigentlich gelernte Schneiderin, arbeitete aber als Bäckereifachverkäuferin. Wir waren nicht gerade arm, aber auch nicht besonders reich. Wir mussten fliehen, weil Tilsit damals evakuiert wurde und große Teile davon kurze Zeit später zerstört wurden. Die Straße, in der ich einst wohnte, existiert bis heute nicht mehr.
Das Leben während der Flucht
Unsere Flucht war sozusagen recht unspektakulär. Wir stiegen damals in den Flüchtlingszug, fuhren nach Polen und kamen alle unbeschadet dort an. Zum Glück gab es keinerlei Zwischenfälle und auch keine Toten und Verletzte. Allerdings hörten wir natürlich von den Strapazen vieler anderer auf ihrer Flucht und man kann sagen, dass wir im Vergleich zu ihnen sehr glimpflich davon gekommen waren.
In Polen wurde uns dann schnell eine Wohnung auf einem alten Bauernhof zugewiesen und wir konnten uns rasch integrieren. Hier lebte eine ältere Dame unter sehr armen Verhältnissen, die sich aber wie eine Baronin auf ihrem Landgut aufführte. Sie signalisierte deutlich, dass sie über uns „Flüchtlingen” stand und wir mussten viel Arbeit auf dem Hof verrichten. Luxus gab es so gut wie gar keinen – was dem am Nächsten kam, war mal eine Orange zu Weihnachten oder eine Tafel Schokolade. Ich fühlte mich hier zunächst nicht wirklich willkommen und hatte ständig das Gefühl, verstecken zu müssen, dass ich Deutscher war. Wenn meine Mutter mich zum Beispiel in der Öffentlichkeit auf Deutsch ansprach, antwortete ich ihr einfach nicht, weil ich das nicht preisgeben wollte. Ich habe dann aber auch viele Freunde gefunden und die Menschen waren freundlich zu uns. In Polen blieben wir, bis meine beiden Brüder ihre Schulbildung abgeschlossen hatten.
Das Leben nach der Flucht
Dann verließen wir Polen und gingen zurück nach Deutschland. In Kaiserslautern bekamen wir eine Sozialwohnung und meine Brüder mussten ihr Abitur nachholen, weil das polnische dort nicht anerkannt wurde. Danach machten beide eine Ausbildung. Ich selbst wollte studieren, scheiterte aber und entschied mich daher auch dazu, eine Ausbildung zu absolvieren. Die Menschen reagierten auf uns eher abweisend. Für sie waren wir nämlich keine Deutschen, sondern Polen. Als ich dann nach Freudenstadt zog, um mir eine Arbeit zu suchen, schienen sich die Leute nicht mehr sonderlich dafür zu interessieren, wo ich herkam. Es schien einfach nicht mehr so ein großes Thema zu sein, wie direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass ich freundlich war, war alles, was für die ansässigen Bewohner zählte – Konflikte aufgrund meiner Herkunft und meines Polen-Aufenthalts gab es keine mehr. In Freudenstadt lernte ich schließlich auch meine Frau kennen. Wir hatten viele Kinder und Enkelkinder, denen ich auch gerne aus meiner Zeit in Polen erzählte, die in meinen Augen trotz der anfänglichen Schwierigkeiten sehr schön und prägend war.
In Deutschland konnte ich dann endlich wieder ich selbst sein. Ich musste nicht mehr leugnen, dass ich Deutscher war – es war mir umso wichtiger, mich nicht mehr verstecken zu müssen. Nach der Flucht bestand für mich immer noch die Verbindung zu meiner alten Heimat. Ich war Teil von Vereinen und hatte auch viele Freunde, die ebenfalls aus Ostpreußen kamen. Mit ihnen traf ich mich oft und wir organisierten gemeinsame Fahrten in unsere alte Heimat. Ostpreußen lag mir immer sehr am Herzen und ich habe dieses Kapitel nie ganz geschlossen. Mit 81 Jahren starb ich friedlich in meinem neuen Zuhause in Freudenstadt und wurde auch hier beerdigt. Inspiriert von meinen Erinnerungen und denen meines Bruders, erzählt fortan mein Neffe von unserer Vergangenheit und trägt die Geschichte Ostpreußens weiter, damit sie nicht in Vergessenheit gerät.