Die Geschichte der Ostpreußen

Jahrhundertelang existierte Ostpreußen als preußische Provinz im Deutschen Reich, deren Hauptstadt Königsberg besonders wegen ihrer Universität lange als geistiges und kulturelles Zentrum galt. Im Jahr 1900 lebten rund zwei Millionen Menschen in Ostpreußen, von denen etwa drei Viertel erfolgreich Landwirtschaft mit modernen Agrartechniken betrieben. Bereits im ersten Weltkrieg wurde die Provinz zeitweilig von russischen Truppen besetzt. Nach dessen Ende 1918 wurde die Stadt Soldau dem polnischen Staat und 1923 das nördlich liegende Memelland Litauen übertragen. Der „Polnische Korridor”, ein 30 bis 90 Kilometer breiter Landstreifen, trennte fortan Ostpreußen räumlich sowie wirtschaftlich vom übrigen Deutschen Reich und machte es zur Exklave. Die Welt-Agrarkrise, die 1928 für den Preisverfall von Roggen und Kartoffeln sowie erhöhte Steuern sorgte, führte zur Abhängigkeit Ostpreußens vom Reichshaushalt. Als Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, unterlag die Provinz der Macht der Nationalsozialisten und diente während des zweiten Weltkriegs bis Ende 1944 als Befehlszentrale für den Ostfeldzug des Diktators. Anfang 1945 drang die sowjetische Rote Armee schließlich nach Ostpreußen vor, zu diesem Zeitpunkt fasste dieses rund 2,5 Millionen Einwohner. Mehr als 1,4 Millionen Menschen flohen, viele starben durch Feuergefechte, Luftangriffe und Minen.

Nur wenige von ihnen hatten sich auf die Flucht vorbereiten können, da Beamte, Offiziere der Wehrmacht und NSDAP-Funktionäre, die für die Verwaltung der Ostgebiete zuständig waren, eine Evakuierung verhindert hatten. Die Meisten mussten den Weg zu Fuß und ohne Besitztümer antreten. Sie wurden teilweise von sowjetischen Truppen beschossen, vergewaltigt und von Panzern überrollt.

Einige konnten in für kurze Zeit noch planmäßig fahrenden Schnellzügen abreisen, andere in Trecks mit beladenen Planwagen oder Schlitten. Viele starben an Entkräftung oder erfroren bei Temperaturen von bis zu minus 25 Grad. Bereits etwa zehn Tage nach dem Eindringen der Roten Armee in Ostpreußen war der Weg über den Westen abgeschnitten, sodass die Flüchtenden an der Ostsee bei Pillau auf Schiffe wie Minensucher, Torpedoboote oder Kreuzfahrtschiffe warteten, die sie mitnehmen konnten. Durch die große Menschenansammlung stürzten viele zu Boden und wurden niedergetrampelt. Wegen der Versenkung einiger Schiffe durch Minen, sowjetische U-Boote oder Flugzeuge starben auch bei der Überfahrt nach Usedom oder Kopenhagen zehntausende Menschen. Für die Überlebenden ging es meist weiter nach Flensburg, Lübeck oder Kiel.

Nach Kriegsende wurde Ostpreußen bei der Potsdamer Konferenz, die vom 17. Juli bis 2. August 1945 stattfand, an die Siegermächte aufgeteilt. Der südliche Teil der Provinz ging an Polen über, der nördliche Teil an die Sowjetunion. Die Vertreibung der noch im Land befindlichen Bewohner wurde durch das Potsdamer Abkommen genehmigt, zahlreiche weitere Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Sie wurden enteignet, ihr gesamtes Eigentum, Grund und Boden wurden konfisziert, ohne eine Entschädigung dafür zu erhalten. Diejenigen, die sich für das Bleiben in der Heimat entschieden, wurden vor allem von Tschechen und Polen für die Geschehnisse des zweiten Weltkriegs zu Mitverantwortlichen erklärt und bestraft. Sie wurden zum Teil ermordet, zum Teil in Lagern festgehalten und zur Zwangsarbeit genötigt.

Südwestdeutschland wurde bei Kriegsende von amerikanischen und französischen Truppen besetzt. Die damaligen Regionen Nord-Württemberg und Nordbaden (ab September 1945 zu „Württemberg-Baden” zusammengefasst) gehörten zur amerikanischen Zone. Zur französischen Zone zählten Südbaden, Südwürttemberg und Hohenzollern (ab Herbst 1946 „Südbaden” und „Württemberg-Hohenzollern”). Württemberg-Baden musste entsprechend der amerikanischen Vorgaben innerhalb von zwei Jahren 800.000 Vertriebene aufnehmen. Die Franzosen fühlten sich dazu nicht verpflichtet, da sie nicht an der Potsdamer Konferenz teilgenommen hatten. Daher siedelten Geflüchtete sich offiziell erst im Rahmen des Länderflüchtlingsausgleichs durch die Bundesrepublik Deutschland ab 1949 im südlichen Teil des heutigen Baden-Württembergs an. Dazu gehörten vornehmlich Menschen aus Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien. Knapp drei Viertel von ihnen waren jünger als 40 Jahre und die Mehrheit Frauen und ledige Personen; zwei Drittel Katholiken, während Nordwürttemberg überwiegend protestantisch war. Da katholische Kirchen den Vertriebenen oftmals wichtig für ihre Integration waren, bauten sie diese häufig in Eigeninitiative. Gerade die konfessionellen Unterschiede führten jedoch – besonders im ländlichen Raum – zu kulturellen Konflikten und Stigmatisierungen, die sich nur langsam legten.

Die Vertriebenen hatten meist die deutsche Staatsbürgerschaft und sprachen Deutsch, was zur Minderung der Abwehrreaktionen der ansässigen Bevölkerung geführt haben könnte. Durch ersteren Fakt waren sie wahlberechtigt, was sie interessant für die Parteien machte. Die neuen Bewohner Baden-Württembergs waren zudem oft fleißig und ehrgeizig; sie wollten ihren alten sozialen Status wiedererlangen, den sie zu Beginn häufig vorerst hatten einbüßen müssen. In die Berufswelt der Mittelschicht fügten sie sich rasch ein, vor allem in den beiden Wirtschaftssektoren Industrie und Gewerbe und Dienstleistungen. Im landwirtschaftlichen Bereich gelang dies weniger gut, da die weniger modernen Agrartechniken in der Bundesrepublik sich von denen im einstigen Ostpreußen unterschieden.

Mit dem Lastenausgleich konnte ein Ausgleich für die materiellen Folgen des Kriegs und der Vertreibung geschaffen werden. Zunächst galt dies nur für die Befriedigung der Grundbedürfnisse derer, die beinahe alles verloren hatten, durch jene, die durch ihr Vermögen wirtschaftlich besser dastanden. Der Lastenausgleich galt als Bekenntnis der Bundesrepublik zur Solidarität mit den Flüchtlingen und Vertriebenen.